Einschiesskonzepte für Jagd, Sport und Einsatz

Einschiesskonzepte für Jagd, Sport und Einsatz

Einführung

Das Einschießen einer Büchse mit Zielfernrohr ist ein essenzieller Schritt, um die höchstmögliche Genauigkeit in der Anwendung unserer Büchse zu gewährleisten. Das Einschiessen kann nach verschiedenen Methoden erfolgen, die jeweils ihre Vor- und Nachteile habe und in ihrem jeweiligen Konzept betrachtet werden sollten. In diesem Kapitel vergleichen wir daher die drei gebräuchlichsten und beliebtesten Einschießkonzepte miteinander: den 100 Meter Fleckschuss, die Maximum Point Blank Range (MPBR) und das deutsche Konzept der GEE (Günstigste Einschießentfernung).

1. 100 Meter Fleckschuss

Definition und Anwendung:

Beim 100 Meter Fleckschuss wird das Zielfernrohr so justiert, dass die Geschosse exakt den anvisierten Haltebereich in einer Entfernung von 100 Metern mittig treffen. Es wird also eine Genauigkeit auf eine definierte Zielentfernung von 100m hergestellt. Im Bereich bis zu dieser Entfernung liegt der Treffpunkt unterhalb des anvisierten Haltebereiches, über 100m hinaus ebenfalls. 

Dieses Einschiesskonzept wird häufig genutzt, um eine präzise und wiederholbare Ausgangsbasis (“Zero”) für die Feinjustierung auf weitere Distanzen zu schaffen. Von den 100m “Standard” wird für weitere Schüsse das Absehen mit Hilfe der Verstelltürme an die Geschossflugbahn angepasst. Nach der Schussabgabe auf die jeweilige Entfernung kann dann immer wieder auf die “Nullung” (= Fleckschuss bei 100m) zurückgestellt werden und das Absehen für den nächsten Schuss auf die nächste Entfernung justiert werden. In der Praxis wird nicht immer wieder auf 100m zurück “genullt”, sondern wenn beispielsweise das erste Ziel auf 200m eine Anpassung um 8 Klicks erforderte und das nächste Ziel auf 400m eine Anpassung um 33 Klicks (ausgehend von 100m Fleck) erfordert, dann wird von den bereits getätigten 8 Klicks nur noch weitere 25 Klicks verstellt. Der Schütze hat jedoch mit dem 100m Fleck Schuss immer eine Präzise Basis, zu der er zurückkehren kann.

Vorteile:

  • Einfache Durchführung und Überprüfung
  • Klar definierte Basis für weitere Anpassungen wenn entsprechendes Wissen zur Anwendung vorhanden ist

Nachteile:

  • Begrenzte Flexibilität bei variierenden Schießdistanzen
  • Verführt zu abgeschätzter Veränderung des Anhaltens und erhöht damit das Risiko für nicht waidgerechte Schüsse.

 

2. Maximum Point Blank Range (MPBR)

Definition und Anwendung:

Die MPBR-Methode zielt darauf ab, das Zielfernrohr so einzustellen, dass ein Geschoss innerhalb eines bestimmten Zielbereichs (z.B. innerhalb von +/- 5 cm vom Zielpunkt) über die größtmögliche Distanz trifft. Dies maximiert die effektive Reichweite auf eine vordefinierte Zielgröße, ohne die Notwendigkeit ständiger Höhenkorrekturen bis zur “Maximum Point Blank Range”, also der Entfernung wo der Geschossabfall von der Zielmitte die in diesem Beispiel definierten -5 cm erreicht.

Zuerst muss hier die Zielgröße definiert werden, die der jeweilige Anwender treffen möchte. Dabei ist es hilfreich sich ins Gedächtnis zu rufen, dass wir immer Zielbereiche und keine mathematisch bestimmten “Punkte” haben - diese Imagination hilft übrigens auch die Präzision des Schützen nachhaltig zu verbessern, ist aber Teil eines anderen Kapitels.. Um also einen letalen Treffer in die Kammer eines Stücks Rehwild zu setzen ist es irrelevant, ob ich die Kammer absolut zentral treffe oder im oberen oder unteren Bereich. WIchtig ist nur, dass wir einen Treffer platzieren, der zum maximalen Blutverlust und damit zum schnellen Verenden des Stückes führt.

Der tödliche Bereich bei einem Stück Rehwild hat ungefähr eine vertikale Ausdehnung von ca. 12 cm. Dies bedeutet, dass das Einschiessen der Waffe mit einem maximalen Hochschuss von 6 cm dazu führt, dass der Schütze beim anhalten auf “Zielbereich Mitte” (also Mitte des Trefferbereiches “Kammer”) im schlimmsten Fall die Kammer “oben” trifft, was jedoch ebenfalls tödlich ist. 

Bei welcher Entfernung haben wir aber die 6 cm Flugbahnhöhe erreicht?  Die Antwort darauf gibt uns ganz einfach ein Ballistikrechner wie Strelok, Applied Ballistics oder andere. Er gibt uns auch die Antwort darauf, wo wir den maximalen Tiefschuss von 6 cm für einen Treffer im unteren Bereich der Kammer erreichen und wo somit unsere maximale Distanz für das Schiessen mit Haltebereich “Zielmitte” endet.. Diese Entfernung ist dann die “Maximum Point Blank Range” - also die maximale Entfernung auf die der Schütze mit Haltebereich “Zielmitte” anhalten kann und dann das Ziel im unteren Bereich trifft. 

Jage ich ausschliesslich auf Bison mit einem Trefferbereich von 30cm Durchmesser, könnte man sein Einschiesskonzept entsprechend anpassen - bei uns ist jedoch Rehwild das am häufigsten bejagte Schalenwild und da macht es Sinn nicht über dinen Trefferbereich von 12 cm und somit einen Hoch-/ Tiefschuss von 6 cm hinauszugehen.

Wo die tatsächlichen Entfernungen jeweils liegen, das ist bei jeder Waffe aufgrund verschiedener Lauflängen und unterschiedlichen Laborierungen anders, da die Mündungsgeschwindigkeit den Ausschlag gibt wie das Geschoss genau fliegt. 

Die echte Mündungsgeschwindigkeit muss nicht immer das sein, was auf der Packung steht. Daher ist es unumgänglich, dass jeder Jäger seine jeweilige, exakte Mündungsgeschwindigkeit bzw. die echten Treffpunktlagen auf verschiedene Entfernungen aus jeder seiner Waffen kennt!

Sinnvoll ist es, den “Offset” der Waffe (Visierlinienerhöhung / Height over Bore) in diese Überlegung einzubeziehen, da dies der maximale Tiefschuss auf nahe Distanzen ist. Auch diesen sollte der verantwortungsvolle Schütze kennen, um nicht etwa auch im Nahbereich schlechte Schüsse anzutragen. Ausserdem spielt der Offset ebenfalls eine Rolle in der Ermittlung der tatsächlichen Flugbahn des Geschosses in Relation zur Visierlinie bei jeder Waffe.

Vorteile:

  • Maximale Effizienz über verschiedene Distanzen auf eine vordefinierte Zielgröße möglich, ohne Nachjustierung vom Haltebereich oder dem Absehen
  • Ideal für jagdliche Anwendungen, bei denen schnelles Reagieren und schnelle Schussabgabe notwendig sein können

Nachteile:

 

3. Günstigste Einschießentfernung (GEE)

Definition und Anwendung:

Das deutsche Konzept der GEE ist eine starke Vereinfachung der bereits beschriebenen MPBR:

Ein standardisierter Hochschuss von 4 cm soll “einschiessen auf GEE” darstellen und so soll der Wirkungsbereich des Schützen maximiert werden. Häufig wird auf den tieferen Sinn und Zweck jedoch nicht ausreichend eingegangen, dabei sind für den Anwender exakt die gleichen Punkte relevant wie beim Konzept der MPBR beschrieben:

Der Schütze muss seine exakte Ballistik kennen, angefangen von der tatsächlichen Mündungsgeschwindigkeit seiner Patrone aus seiner Waffe bis hin zu mechanischen Themen wie dem Offset zwischen Zielfernrohr und Laufseele. Ohne die tatsächlich gemessenen Daten in eine Ballistik-App einzugeben ist das Konzept der GEE sehr wage und wird dem modernen Anspruch der Waidgerechtigkeit nicht gerecht.

Vorteile:

  • Sehr einfach umzusetzen

Nachteile:

  • Zu starke Vereinfachung eines wichtige Themas in den meisten Jagdausbildungen
  • Erfordert präzise Ballistik-Kenntnisse und Berechnungen zur verantwortungsvollen Anwendung
  • Wenig effektiv bei extrem langen Distanzen.

 

Fazit:

Egal für welches Konzept ich mich als Schütze entscheide, ich muss mein Handwerk und meine Werkzeuge verstehen um mein Einschiesskonzept meiner persönlichen Anwendung anzupassen.

Nicht jedes Konzept ist gleichermaßen geeignet für jede Form der Anwendung. Das Verständnis der “MPBR” ist aus Sicht des Autors am hilfreichsten, um sich als verantwortungsvoller Jäger weiterzuentwickeln.

Egal welches Konzept ich letztendlich nutze, ich sollte stets die exakte Entfernung zum Ziel und auch die Zielgröße kennen.

 


ÜBER DEN AUTOR

Autor

Christian Bender

Christian Bender ist Experte für Resilienztraining und stressresistente Waffenhandhabung. Er ist seit 1994 Jagdscheininhaber, zertifizierter Schiessausbilder und u.a. Mitglied der "International Association of Law Enforcement Firearms Instructors" IALEFI. Christian Bender hat bereits zahlreiche Fachartikel und Vorträge zu den Themen Waffenhandhabung, Schiesstechnik, Ballistik und vielen anderen, relevanten Themengebieten verfasst, in denen er sein Wissen und seine Expertise geteilt hat.

Durch diesen Blog kannst Du von seinem geballten Wissen und von seinen fast 30 Jahren Erfahrung in den Bereichen Jagd und praktische Schießausbildung profitieren.