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Welches ist die beste Kurzwaffe für den jagdlichen Fangschuss?

Welches ist die beste Kurzwaffe für den jagdlichen Fangschuss?

Auch Du hast diese Frage wahrscheinlich schon mindestens einmal gehört oder sie Dir vielleicht sogar selbst schon gestellt: Welches ist die beste Kurzwaffe für die Jagd?

In beiden Fällen wird die Antwort mit Sicherheit gar nicht so einfach zu finden gewesen zu sein, wenn es „die“ Antwort auf diese Frage überhaupt gibt. Was aber, wenn wir die Frage einmal umformulieren und „das Pferd von hinten aufzäumen“?

Wenn wir zuerst die Kriterien festlegen, die eine Kurzwaffe erfüllen muss, um „zur besten Kurzwaffe“ für unsere Anwendung als Jäger zu werden, dann wird die Beantwortung direkt um einiges einfacher. In diesem Artikel gebe ich Dir die 4 Top-Kriterien an die Hand, die eine Kurzwaffe meiner Erfahrung nach erfüllen muss, um zur „besten“ Kurzwaffe für den Fangschuss oder überhaupt zur besten Kurzwaffe für den Jäger zu werden.

Die 4 Top-Kriterien für die perfekte Kurzwaffe sind folgende:

Kriterium 1: sie sollte vorhanden sein, wenn ich sie brauche.

Kriterium 2: sie sollte ausreichend Energie ins das zu beschießende Ziel bringen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen

Kriterium 3: sie sollte zur Hand des Schützen passen, um präzises Schiessen und sichere Handhabung zu unterstützen

Kriterium 4: es muss eine Auswahl an für die Waffe passenden Holstern verfügbar sein, um Kriterium Nr.1 zu unterstützen

Pistole oder Revolver?

Ob wir eine Pistole oder Revolver für den jagdlichen Fangschuss wählen, ist oft eine Frage des persönlichen Geschmacks, ohne jedoch sachlich die Eigenschaften der unterschiedlichen Systeme abzuwägen. Gehen wir hier ohne persönliche Präferenzen an das Thema heran, könnte es ungefähr so aussehen:

Als Vorteil eines Revolvers werden oft die stärkeren Kaliber genannt, die daraus verschossen werden können. Genauso wie bei Langwaffenmunition herrscht hier aber ein Missverständnis: das beste Kaliber ist immer noch ein korrekter Treffersitz und ein schlechter Schuss wird durch ein größeres Kaliber nicht zu einem guten oder besseren. Auch das Argument der sogenannten „Energiereserven“ ist ein Missverständnis, denn diese „Reserven“ haben ebenfalls Nachteile in mindestens gleich großer Höhe: mehr Knall, mehr Rückstoß und Mündungsblitz führen zu geringerer Beherrschbarkeit von größeren Kalibern. Wer garantiert denn, dass der erste Schuss das gewünschte Ziel trifft? Wir sollten schließlich immer die Möglichkeit von Fehlschüssen einkalkulieren, speziell unter Stress. Der Schütze benötigt bei stärkeren Kalibern jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Zeit, um einen gezielte Folgeschüsse abzugeben und das im schlimmsten Fall in einer Situation, in der ein hohes Stresslevel herrscht. Der vermeintliche Vorteil von stärkeren Kalibern wird bei genauer Betrachtung somit ganz, ganz schnell obsolet und sogar zu einem Nachteil. Das Gleiche gilt 1:1 für das Thema „Welches Langwaffenkaliber?“ bei der ewigen Kaliberdiskussion, unabhängig von der Waffenplattform.

Ein weiteres Pro-Argument für Revolver soll immer eine höhere Handhabungssicherheit sein, was sich bei genauer Betrachtung ebenfalls als Mythos entpuppt: entweder ich kann meine Waffe so handhaben wie es gemäß ihrer Konstruktion vorgesehen ist oder ich sollte lernen es dementsprechend zu tun. Moderne Pistolenkonstruktionen von Herstellern wie Glock, Canik oder Walther (um nur einige zu nennen) stehen in Punkto Sicherheit den Revolvern in nichts nach, eher sogar im Gegenteil.

Was ist mein normaler, jagdlicher Einsatz?

Bin ich Fallenjäger und nutze die Kurzwaffe absehbar und geplant? Bin ich Nachsuchenführer und weiß im Vorhinein, dass ich es mit wehrhaftem Schwarzwild oder einem Geweihten zu tun habe? Oder bin ich der „normale“ Revierjäger, der einfach nur ein weiteres Werkzeug zur Verrichtung seines Waidwerks bei sich tragen möchte, wenn er zu einem Wildunfall gerufen wird?

Je nachdem wie die Beantwortung dieser Frage ausfällt, stellen sich die Anforderungen an die für mich „beste“ Kurzwaffe im jeweiligen Kontext und in diesem Interview kannst Du nachlesen, warum eine Pistolenpatrone wie die 9mm Luger (oder auch 9x19, 9mm Para genannt) in den meisten Fällen vollkommen ausreichen für unseren Einsatz ist.

Zusammengefasst: Bei der Fallenjagd weiß ich vor dem Einsatz, welche Anforderungen gestellt werden und dass eine kleinkalibrige Kurzwaffe für das Abfangen im Abfangkorb ausreicht. Als Nachsuchenführer weiß ich zumindest, auf welche Wildart ich zur Nachsuche gerufen werde und kann mich entsprechend für einen zu erwartenden starken Keiler oder großen Hirsch wappnen (falls notwendig). Bei allen Betrachtungen sollten wir nach wie vor im Hinterkopf haben: die Kurzwaffe ist ein Back-Up / Unterstützungswerkzeug und unsere Nummer 1 ist immer die Langwaffe (speziell im Kontext Nachsuche).

Für den Revieralltag, in dem ich zu 99% eher zu einem Wildunfall gerufen werde und dort eventuell nicht mit der Langwaffe wirken kann, liegt die Anforderung wieder woanders als bei den anderen beiden Fällen. Die eierlegende Wollmilchsau gibt es eben auch bei der Kurzwaffe nicht, nur die Gaussche Normalverteilung mit den jeweiligen Enden „Nachsuchenführer“ und „Fallenjagd“:

Die beste Kurzwaffe für den „normalen“ Jäger

Die beste Kurzwaffe für den normalen Jäger erfüllt die 4 oben genannten Kriterien:

  1. Sie ist vorhanden wenn sie benötigt wird. Da wir nie wissen wann genau wir sie benötigen (außer bei den Spezialanwendungen Nachsuchenführer und Fallenjagd), sollten wir sie also einfach immer dabei haben.
  2. Sie sollte ausreichend Energie ins das zu beschießende Ziel bringen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Der gewünschte Trefferbereich wird zu 99% das zentrale Nervensystem sein, im Idealfall das Stammhirn. Hier reichen 400 Joule aus einer 9mm Luger allemal aus.
  3. Sie sollte zur Hand des Schützen passen, um präzises Schiessen und sichere Handhabung zu unterstützen – dies sollte letztendlich die finale Wahl des Modells ausmachen und nicht die Farbe oder ob sie in einem Film zu sehen war oder
  4. Um den Punkt 1 zu unterstützen, muss ein für die Waffe passendes Holstern verfügbar sein. Ein gutes Holster sitzt auf der Schusshandseite und verdeckt den Abzug der Waffe, hält die Waffe sicher und ist formstabil.

Die 4 genannten Kriterien werden eher von modernen Selbstladepistolen abgehakt, als von Revolvern – die finale Wahl obliegt jedoch immer dem Einzelnen.

Moderne Selbstladepistolen mit Schlagbolzenschlosssystem sind derzeit in unzähligen Varianten am Markt vertreten. Sei es eine Glock, Canik, Walther, CZ, Sig Sauer oder Heckler & Koch. Alle diese Hersteller bieten Waffen mit Polymergriffstück an, welche die 4 Kriterien mühelos erfüllen. Der Vorteil eines Polymergriffstücks liegt in dem extrem geringen Gewicht und trägt damit entscheidend zur Führigkeit dieser Waffen bei. Pistolen verfügen zudem in der Regel über eine wesentlich höhere Magazinkapazität als ein Revolver und auch die “Kadenz“ einer Pistole ist höher anzusiedeln als die von Revolvern.

Es gibt sie zudem in allen Größen – Full Size, Compact und Sub-Compact – so dass sie auch für jede Körpergröße bequem und unbemerkt zu tragen sind.

Welche Munition für den Fangschuss?

Für den Fangschuss sowie auch zur Selbstverteidigung können verschiedene Geschosskonstruktionen zum Einsatz kommen. Munition mit analog zu Langwaffen-Jagdmunition speziell konstruierten Hohlspitzgeschossen ist auch für die gängigsten Kurzwaffenkaliber verfügbar und sollte hier auch ausschließlich zum Einsatz kommen. Vollmantelgeschosse haben nur auf dem Schiessstand etwas in unseren Waffen verloren!


Fazit:

Welches die beste Kurzwaffe für den jeweiligen Einsatzzweck ist, können wir anhand einer nüchternen Betrachtung relativ einfach anhand der an sie gestellten Anforderungen beantworten. Welches System wir für uns wählen, können wir neben der persönlichen Präferenz ebenfalls anhand objektiver Kriterien beantworten, es bleibt am Ende jedoch immer Sache des Geschmacks des Einzelnen Anwenders.

Viel wichtiger als das Werkzeug an sich ist jedoch die Anleitung im Umgang damit und das darauf Folgende in Übung bleiben. Dies gilt jedoch nicht nur für die Kurzwaffe, sondern für alle unsere Jagdwaffen.

ÜBER DEN AUTOR

Autor

Christian Bender

Christian Bender ist Experte für Resilienztraining und stressresistente Waffenhandhabung. Er ist seit 1994 Jagdscheininhaber, zertifizierter Schiessausbilder und u.a. Mitglied der "International Association of Law Enforcement Firearms Instructors" IALEFI. Christian Bender hat bereits zahlreiche Fachartikel und Vorträge zu den Themen Waffenhandhabung, Schiesstechnik, Ballistik und vielen anderen, relevanten Themengebieten verfasst, in denen er sein Wissen und seine Expertise geteilt hat.

Durch diesen Blog kannst Du von seinem geballten Wissen und von seinen fast 30 Jahren Erfahrung in den Bereichen Jagd und praktische Schießausbildung profitieren.

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